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Barbara Meldungen Heft 5

 

Leseprobe:

"Oh Jüterbog, du heißer Sand!"

 

Unter diesem Titel erschien 1968 in dem Mitteilungsblatt des Heimatkreises Königsberg/Neumark der Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg ein Aufsatz von Wilhelm Grunow, 1908 Angehöriger der Feldartillerie-Schießschule, den wir hier wiedergeben wollen.

Artilleristen des Ostasien-Expeditionskorps bei Schießübungen auf dem TrÜbPl. Jüterbog

 

Im südwestlichen Brandenburg, 60 km von Berlin entfernt, liegt die Kreisstadt Jüterbog. Um die Jahrhundertwende hatte die Stadt etwa 16 500 Einwohner. Sie ist durch mehrere zum Teil einmalige militärische Anlagen der alten preußischen Armee weitgehend bekannt geworden. In ihrer Nähe lag auf märkischem Sand, auf dem wirklich nur wenige Grashalme und einige bescheidenen Kiefern wuchsen, ein großer hauptsächlich zum Scharfschießen benutzter Truppenübungsplatz. An dessen Rand nach Jüterbog zu waren ausgedehnte Kasernen für die dort beheimateten  Schießschulen aufgebaut, getrennt für die Feldartillerie und Fuß- oder Festungsartillerie. Anschließend an die Kasernen war nach dem Bahnhof zu eine kleine Vorstadt entstanden, in der Geschäfte für die Bedarfsdeckung der Soldaten, Wohnungen für Offiziere und verheiratete Unteroffiziere sowie Quartiere und Stallungen für kurzfristig zur Schießschule abkommandierte Offiziere mit ihren Pferden und Pferdepflegern vorhanden waren. Von Jüterbog nach Berlin ging die von einem Einsenbahnbataillon  unterhaltene und betriebene Militäreisenbahn, die in Schöneberg-Militärbahnhof endete. Eine Besonderheit konnte man auf dem Wege in die Stadt sehen. Am Stadttor war eine mit Eisenstiften bewehrte schwere Keule aufgehängt, neben der eine Tafel angebracht war mit der Inschrift:

    Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet nachher selber Not, den schlagt mit dieser Keule tot.

Die Schießschulen

 Die Schießschulen waren kriegsstark ausgerüstet, während die übrigen Artillerie-Regimenter auf dem normalen Friedensetat, einzelne, besonders nach Neuaufstellungen auf dem sogenannten 'kleinen Etat' basierten. Dabei waren statt sechs nur vier Geschütze in jeder Batterie ständig in Gebrauch. Ich möchte mich hier auf Angaben über die Feldartillerie-Schießschule beschränken, weil ich die für die Fußartillerie nur flüchtig kennen gelernt habe. Die Schießschulen gehörten zum Gardekorps, die Angehörigen trugen am Kragen und an den Ärmelaufschlägen die Gardelitzen...

 

Eigene Rekrutierungen betrieb die Schießschule nicht. Aus allen Regimentern wurden im ersten Dienstjahr bereits fertig ausgebildete Kanoniere und Fahrer im Herbst jeden Jahres dorthin abkommandiert. Diese Soldaten konnten nach kurzer Eingewöhnung und Bekanntmachung mit den örtlichen Verhältnissen sogleich voll eingesetzt werden. Auf der Schießschule, die hauptsächlich der Ausbildung von Offizieren diente, die zu mehrmonatigen Kursen abkommandiert wurden, wurde auch erprobt, was Mannschaften, Pferde und Material zu leisten und auszuhalten im Stande waren. Wenn einzelne Männer ausfielen, dann ging es ohne sie weiter, wenn ein Geschütz liegen blieb, weil die Pferde gestürzt oder sonstige Unfälle eingetreten waren, so wurde darauf nicht gewartet. Ihre Plätze blieben bis zu ihrem Nachrücken oder in der Batteriestellung überhaupt frei. Aus den Rohren wurde im Testfall gefeuert bis sie glühend waren und sich die Mantelringe lockerten. Daß es dabei vereinzelt Abgänge an Mannschaften, Pferden, Geschützen und Geräten gab, war nicht zu vermeiden. Es war ein harter Dienst... Im Juni/Juli... kehrten die zur Schießschule abkommandierten Soldaten zu ihren Stammregimentern zurück. Als Zeichen ihrer Dienstleistung bei der Schießschule trugen sie künftig auf dem Ärmelaufschlägen Knöpfe, solche mit dem aufgeprägten preußischen Adler. Zu den Kursen bei der Schießschule Jüterbog wurden Offiziere aller Artillerie-Einheiten kommandiert. Darunter waren Sprösslinge hochgestellter Familien, Ausländer und Mitglieder von Herrscherhäusern. Im Februar 1908 habe ich den damaligen Kronprinzen von Siam (heute Thailand) und einen türkischen Hauptmann eine scharf schießende Batterie kommandieren sehen. Nach meiner Erinnerung erzielte besonders der Letztere bei mehrfachen Zielwechsel hervorragende Ergebnisse. Erwähnen möchte ich noch, daß die Mannschaften der beiden Schießschulen sich wie Katz und Hund mit einer gewissen Animosität gegenüber standen. Niemand wußte so recht warum. Es kam zu keinen Raufereien, das verbot die Disziplin, aber kleine Schikanen und Neckereien waren täglich zu beobachten. Wenn die zahlreichen Berlin-Urlauber sonntags mit der Militärbahn und dem Urlaubsschein als Fahrausweis von Jüterbog abfuhren, benutzten sie auf dem Bahnhof getrennte Bahnsteigsperren. Ein Posten stand am Eingang und wies die ankommenden Urlauber mit den Worten "Rechts Fußer, links Felder" oder umgekehrt entsprechend ein. Sie fuhren auch in getrennten Wagen, wobei auf den Bahnhöfen unterwegs doch noch manches derbe Scherzwort ausgetauscht wurde. In Berlin angekommen, verliefen sich bald allen nach verschiedenen Richtungen." (Fortsetzung Meldung Nr. 6)

 

Aus der Geschichte der Sturmartillerie

 

Fritz-Werner Pohl, 1943 als Leutnant der Sturmartillerie

Das Foto zeigt den Offizier der Sturmartillerie Fritz-Werner POHL in Jahre 1943. Er wurde am 20. Juli 1919 in Breslau geboren. Nach seinem Arbeitsdienst wurde er zu einem bespannten Artillerie Regiment nach Glogau einberufen. Hier meldete er sich freiwillig zur Sturmartillerie. Mit der Sturmgeschütz-Batterie 666, die im Mai 1940 in Dorf Zinna aufgestellt wurde,  nahm er unter Hauptmann Müller am Westfeldzug teil. Die Batterie stand für das Unternehmen „Seelöwe“, dem Übersetzen nach England, bereit. Sie nahm schließlich an dem Angriff auf Sowjetrussland teil, wo sie bei der Kesselschlacht von Demjansk zerschlagen wurde. F.-W. Pohl, der 1941 einen Offizierslehrgang in Neues Lager und einen weiteren 1942 im Adolf-Hitler-Lager (Forst Zinna) besucht hatte, gehörte zum Kaderstamm der am 13. November 1942 in Dorf Zinna aufgestellten Sturmgeschütz-Abteilung 242. Ab Januar 1943 kämpfte er am Donbogen. Nach dem die Abteilung vor Stalingrad aufgerieben worden ist, kam er als Infanterist zum Einsatz. F.-W,. Pohl kam mit den Resten der Abteilung am 21. Februar zur Neuaufstellung zurück nach Jüterbog. Im April erhielt der neue Verband Tropenuniform, da ein Einsatz in Afrika vorgesehen war. Doch dafür war es zu spät, das Afrikakorps war bereits geschlagen. So erfolgte der neue Einsatz in Italien. Bei einem Urlaub im Dez. 43 heiratete Pohl, der im Oktober zum Oberleutnant befördert worden war, in der Jüterboger Nikolaikirche eine Tochter aus einer hiesigen Kaufmannsfamilie.  Als die Abteilung  am 14.2.44 in Sturmgeschütz-Brigade umbenannt wurde, stand sie  beim Monte Casino. Hier gelang dem Batteriechef Pohl die Erbeutung von 3 amerikanischen Panzern. Im September wurde er verwundet, kam zu kurzen Genesungsurlaub in die Heimat und ist nach Rückzugskämpfen über Trient im Mai 1945 von Engländern interniert worden.

Das Jüterboger Stadtwappen an der Kommandantenluke vom Sturmgeschütz des Batteriechefs

Balkenkreuz am erbeuteten amerikanischen Sherman-Panzer. Der Geschützturm ist demontiert worden. Das Fahrzeug diente 1944 bei der Sturmgeschütz-Brigade 242 als Versorgungsfahrzeug

 

Oblt. Pohl mit Rauhaarteckel Seppl auf dem Geschütz im Januar 1945

 

Wetterbericht = Barbara-Meldung

  Die Wahl des Namens "Barbara-Meldung"  für das Mitteilungsblatt des Garnisongeschichtsvereins ist u.a. auf eine militärische Tradition zurückzuführen, die eng mit der Jüterboger Garnisongeschichte verbunden ist. Wie bekannt, ist die Hl. Barbara auch die Schutzpatronin der Artillerie. Das führte dazu, daß die Wettermeldungen der Artillerie den Namen "Barbara-Meldungen" bekamen. Ein Beleg dafür ist das Handbuch "Baustein für die Ausbildung der Beobachtungsabteilung. Zusammengestellt von Oberst Froben.", dessen 2. Auflage 1943 im "Barbara-Verlag" Hugo Meiler, München 5, erschienen ist. Oberstleutnant, später Oberst, FROBEN war von 1939 bis 1942 Kommandeur des Lehrstab B der Jüterboger Artillerieschule. Er ist Verfasser verschiedner Schriften zur Arbeit der beobachtenden Artillerie und trat nach dem Krieg als Chronist dieser Waffengattung hervor.

 Für den o.g. Titel von 1943 schrieb Oblt. Zirpel den Aufsatz "Zusammenarbeit der schießenden Artillerie mit der Beobachtungsabteilung". Auf den Seiten 17 und 18 werden die Wettermeldungen erklärt:

 

"Der Wetterzug der Stabsbatterie einer Beobachtungsabteilung stellt Barbara-Meldungen - gültig für einen Umkreis von 30 km - gewöhnlich in Abständen von zwei Stunden her. Ist das Wetter keinen oder nur geringen Änderungen unterworfen, so kann der Zwischenraum zur Ersparnis von Pilotballonen und Gas bis zu vier Stunden erweitert werden. Für die Artillerie ist es wichtig zu wissen, wie sie in den Besitz zeitgerechter Wettermeldungen gelangt. Im Befehl des Artilleriekommandeurs - oft auch im Divisionsbefehl - kann dafür folgendes angeordnet werden:

 1.   Die Barbara-Meldungen werden von der Beobachtungsabteilung mit Kraftfahrer dem Artilleriekommandeur überbracht. Ein dort aufgestellter Sender der Nachrichtenabteilung gibt auf bekannt gegebenen Frequenzen zu bestimmten Zeiten die Meldungen an alle Artillerie-Einheiten, die sie mit dem T-Empfänger aufnehmen.

2.       Steht ein solcher Sender nicht zur Verfügung, so kann befohlen werden, daß ein Tornister-Funkgerät bei der Beobachtungsabteilung diese Aufgabe übernimmt. Die Reichweite ist dann selbstverständlich begrenzt und oft werden die Abteilungen und Batterien die Sprüche nicht aufnehmen können.

3.         Muß aus irgendeinem Grunde auf den Funkweg verzichtet werden, so  vervielfältigt der Wetterzug die Barbara-Meldungen und liefert sie zur Weiterleitung durch Kraftrad an den Artilleriekommandeur ab oder bringt sie in Ausnahmefällen selbst zu den einzelnen Abteilungen.

 

In jedem Falle steht die Beobachtungsabteilung für fernmündliche Anfragen und allenfallsige Nachlieferung der Wettermeldungen zur Verfügung, falls eine Batterie ihre Barbara-Meldung nicht zeitgerecht erhalten haben sollte.

 Häufig werden die durch den Wetterzug festgestellten Witterungseinflüsse nur beim Planschießen berücksichtigt. Es empfiehlt sich aber, die Werte auch bei beobachtendem Schießen zur schnelleren Zielbekämpfung und zur Munitionsersparnis zu benutzen.

Vorschriften: A.V.A. 200/7 Ziffer 40-41 und 200/5 Ziffer 71g."

 

Die Inbetriebnahme des neuen Fesselballons "Adler" 1937. Im Hintergrund eine der beiden Ballonhallen im Nordosten von Jüterbog 2, an der Straße nach Dorf Zinna (Neuheim).