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Heeresnachrichtenschule



Schon seit 1917 bestand im kaiserlichen Heer eine Nachrichtentruppe als eigene Truppengattung („Führungstruppe“). Hervorgegangen war sie aus der Telegraphentruppe, die von 1899 bis 1917 als selbständige Waffengattung mit aktiven Verbänden innerhalb der Truppengattung „Verkehrstruppen“ eingegliedert war. Die Verkehrstruppen hatten mit ihren Waffengattungen der Eisenbahn- und der Luftschiffertruppen schon vielfältige Berührungspunkte mit Jüterbog. Die Telegraphentruppe, deren Anfänge bis 1830 zurückreichen, war ursprünglich Teil der preußischen Pioniertruppe.[1]

Zu den vielfältigen Auflagen, die die Weimarer Republik nach den Auflagen der Siegermächte zu erfüllen hatte, gehörte die Weisung maximal vier Truppenschulen zu betreiben. Daher mußte die bisherige Heeresnachrichtenschule in Spandau-Ruhleben (Berlin) geschlossen werden. Da die Reichswehrführung nicht gewillt war, diesen Zweig der militärischen Spezialausbildung völlig zu vernachlässigen, ist kurzerhand der Fachbereich der Jüterboger Artillerieschule zugeordnet worden.[2] Unter der Bezeichnung „Abteilung D“ bezogen Anfang der 20er Jahre die ersten Nachrichtenschüler in Jüterbog mit ihren Ausbildern Teile der Fuchsbergkasernen, die gut fünf Jahre zuvor für die Fußartillerie-Schießschule gebaut worden waren. Seit dem 27.05.1920 fanden anfangs halbjährliche Lehrgänge zur Heranbildung von Offizieren und Spezialisten statt.

Neben der eigentlichen Heeres-Nachrichtenschule, also der „Abt. D“ der Artillerieschule, bestand parallel dazu eine Nachrichten Lehr- u. Versuchsabteilung. Die Abt. D wurde vom 01.10.30 bis 1.10.34 von Oberst, später Generalmajor Ernst Sachs als Lehrgangsleiter geführt. Die Na. Lehr- u. Vers. Abt., die ebenfalls in den Fuchsbergkasernen untergebracht war aber auch Unterkünfte in Altes Lager hatte, kommandierte ab dem 01.04.34 Major Schubert.[3] Bei der Abt. D war ein zahlenmäßig beschränktes Stammpersonal, vorwiegend Nachrichtenlehrer und diesbezügliche Hilfskräfte. Die Na. Lehr- u. Vers. Abt. zeichnete für die dafür notwendige organisatorische und materielle Ausbildungsbasis verantwortlich. Daneben befaßte sie sich mit technischen und taktischen Neuentwicklungen im Heeresnachrichtenwesen.

Einer der ersten Lehrer der Nachrichtenschule in Jüterbog war der bayrische Offizier Karl Johann Schmid[4]. Er hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg Meriten auf dem Gebiet der Funkentelegraphie erworben. Als königlich bayrischer Oberleutnant war er 1909 zu den preußischen Verkehrstruppen abkommandiert worden. Zuerst wirkte er in der Untersuchungsabteilung Unterbrüggen und später in Versuchsabteilung Jüterbog, wo er selbst technische Lösungen für die Weiterentwicklung von Funkeinrichtungen der Militärluftschiffe erfand. Vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er Kompaniechef im 2. Bayrischen Telegrafen Bataillon.[5]

Die Absolventen der Nachrichtenausbildung der Abteilung D fanden Verwendung in den Nachrichtenabteilungen der sieben Infanteriedivisionen der Reichswehr bzw. bei den drei Kavalleriedivisionen, denen jedoch nur Truppennachrichtenmittel erlaubt waren. Außerdem gehörten zum Bereich der Nachrichtentruppe eine Heereshunde- und eine Heeresbrieftaubenschule mit Sitz im nahe gelegenen Kummersdorf.

Die Nachrichtenabteilungen der Divisionen der Reichswehr hatten Kompanien, die aus Fernsprech-, Funk-, Blink- und Brieftaubentrupps gemischt zusammengesetzt waren. Wenn man sich zunächst noch mit dem veralteten Gerät aus dem Ersten Weltkrieg begnügen mußte, so brachte auch hier die militärische Zusammenarbeit mit der UdSSR nach dem Rapallo-Vertrag (1922) eine Beschleunigung der technischen Entwicklung. Denn für den Aufbau von Flieger- und Panzertruppen war eine wesentliche Verbesserung der Nachrichtenmittel notwendig. Mitte der 20er Jahre sind neue, im Mittelwellenbereich arbeitende, frequenzgenauere Röhrenfunkgeräte eingeführt worden. Ein System fester Funkstellen machte die Brieftaubenverbindungen zwischen den Standorten der Nachrichtentruppe überflüssig. Vielfältige Formen der Nachrichtenübertragungen sind in Jüterbog zur Reichswehrzeit erprobt worden. So gab es Versuche, Spruchtexte über Lichtsprechgeräte[6] zu übermitteln. Für den Fernschreibbetrieb konnte der „Hellschreiber“[7] erfolgreich erprobt werden.

 

Armeefernsprecher

Die Abbildung aus D.V.E.414a, Anhang zum Exerzier-Reglement für die Feldartillerie, Berlin 1913, findet sich in der Barbara-Meldung Nr. 11.



Einen speziellen Bereich der Abteilung D bildeten die Horchfunker. Ihre Aufgabe war es, die Heeresleitung über fremde Funkverfahren, Chiffriermethoden und Umgruppierungen auf dem laufenden zu halten. Die damit beschäftigten Militärtechniker nutzten die Nähe zu Berlin, um Nachrichten der diplomatischen Vertretungen fremder Mächte aufzufangen und als Übungsmaterial für das Entschlüsseln zu verwenden. Als die Nachrichtenschule schließlich Jüterbog verließ, kam die „feste Horchstelle“ als eigenständige Nachrichtendienststelle in das 20 km entfernte Treuenbrietzen.[8]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das nebenstehende Foto zeigt den Sende-/Empfangsmast auf der Hofseite der Fuchsbergkasernen in Jüterbog.



1929 wurden die Divisionsnachrichtenabteilungen der Reichswehr in je eine Fernsprech- und eine Funkkompanie gegliedert, was den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges entsprach. Diese Einteilung widerspiegelt sich in der Gliederung der Na. Lehr- u. Vers.-Abt. Die beiden je 300 Mann starken Kompanien wurden in die Fachbereiche geteilt. Die 1. Kompanie umfaßte die Fernsprecher und Fernschreiber, die 2. Kompanie die Funker.

Zum Ende der 20er Jahre sind Gebiete des militärischen Nachrichtenwesens wie Fernschreib-, Fernsprech-, Funkverbindungen und Funkaufklärung (Horchdienst) besonders weiterentwickelt worden. Immer enger gestaltete sich die Zusammenarbeit der Reichswehr mit dem Reichspostministerium. Militärische Forderungen fanden im zunehmenden Maße Eingang in die Planungen der Post. Das Reichswehrministerium traf bereits 1932 vorbereitende Maßnahmen für eine Heeresvermehrung. Dazu gehörte die Planung der Neuaufstellung von 36 Divisions- und 12 Armee-Nachrichten-Abteilungen. So konnte die nationalsozialistische Führung ab 1933 auch in diesem Bereich bei ihrer Wiederaufrüstung auf entsprechende Vorbereitungen zurückgreifen.

Ab dem 1. April 1934 wurde aus der Abteilung D der Artillerieschule die Heeresnachrichtenschule Jüterbog[9] als selbständige Einrichtung; Rücksichten auf die Siegermächte des 1. Weltkrieges wurden nicht mehr genommen.

Es folgt die Geschichte der Nachrichtenschulen der Wehrmacht.


[1] vgl. „Vom ‘Telegraphendienst’ zur ‘Führungsunterstützung’ im deutschen Heer - Kurzgefaßte Geschichte der Truppengattung und des Truppenfernmeldeverbindungsdienstes für Besucher der Lehrsammlung FmS/FSHEIT und andere Interessierte“ Hrsg. Lehrsammlung der Fernmeldeschule und Fachschule des Heeres für Elektronik in Feldafing, Ltr. OTL Steinborn , sowie „Geschichte der Nachrichtentruppe (1917-1945)“ ebenda, und BLUME, H.: Die Führungstruppe der Wehrmacht, die Nachrichtentruppen in Krieg und Frieden, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1938.

[2] Vgl. Schulze, Henrik: Geschichte der Garnison Jüterbog 1864-1994 „Jammerbock“. Osnabrück 2000. S. 285-287.

[3] Mitteilung H.G. Kampe.

[4] Pers. Mitteilung des Nachfahren Rudolf Schmid.

[5] Bayrisches Kriegsarchiv München, Offiziers-Personalordner OP-61619.

[6] Hersteller Fa. Zeiss in Jena.

[7] Hersteller Fa. Dr. Hell, Kiel.

[8] Pers. Mitteilung des Treuenbrietzener Museumsleiter Wolfgang Ucksche.

[9] Als im April 1934 ein Funker im Standortlazarett verstarb, gab der Chefarzt bei der Todesmitteilung an die Standortkommandantur noch als Einheitsbezeichnung „Abt. D der Art.-Schule“ an, wie das Sterbebuch Gutsbezirk Schießplatz im Stadtarchiv Jüterbog belegt.